Neugierig statt bewerten

 

Im Arbeitsalltag bewerten wir Situationen oft innerhalb weniger Sekunden als gut oder schlecht. Gerade Veränderungen lösen schnell Unsicherheit oder Widerstand aus.

 

Eine neugierige Haltung hilft, zunächst zu beobachten, Fragen zu stellen und verschiedene Perspektiven einzunehmen. Dadurch entstehen häufiger Lösungen, Verständnis und ein konstruktiver Umgang miteinander.

Was sagt die Forschung?

Neugierige Fragen statt schneller Urteile wirken sich auch positiv auf die Zusammenarbeit aus. Amy Edmondson hat in Teamstudien belegt, dass psychologische Sicherheit — ein Klima, in dem Fragen und Fehler erlaubt sind — der beste Prädiktor für Teamlernen ist, stärker als Teamzusammensetzung, verfügbare Ressourcen oder Führungsstil. Wer offen nachfragt, statt vorschnell zu urteilen, fördert Zusammenarbeit und gegenseitiges Vertrauen.

Und wer Neugier als Haltung kultiviert, profitiert auch persönlich: Todd Kashdan und Kollegen zeigten, dass neugierige Menschen nicht weniger Unsicherheit erleben als andere. Sie tolerieren sie besser. Neugier wirkt als Puffer zwischen Ungewissheit und Angst und ermöglicht dadurch einen konstruktiveren Umgang mit dem Unbekannten.

Wochenimpuls/Mini-Experiment

Ersetze diese Woche den ersten Gedanken: «Das ist blöd.»

durch

«Interessant ... was könnte dahinterstecken?»

 

Beobachte in einer unerwarteten Situation bewusst deine erste Reaktion. Versuche anschliessend, mindestens eine neugierige Frage für dich selbst zu formulieren.

Im Anschluss reflektiere kurz (drei Minuten), wie sich deine Sicht auf die Situation dadurch verändert.

 

 

Wissenschaftliche Hintergründe

Psychologische Sicherheit
Psychologische Sicherheit ist die geteilte Überzeugung im Team, dass man zwischenmenschliche Risiken eingehen kann: Fragen stellen, Fehler zugeben, Bedenken äussern, ohne Blossstellung oder Nachteile befürchten zu müssen. Edmondson zeigte, dass sie das Lernverhalten von Teams fördert, also Feedback suchen, Fehler besprechen, Neues ausprobieren.

Publikationen:

- Edmondson, A. (1999). Psychological safety and learning behavior in work teams. Administrative Science Quarterly, 44(2), 350–383.

- Duhigg, C. (2016). Smarter faster better: The secrets of being productive in life and business. New York: Random House.

 

Neugier und Umgang mit Unsicherheit
Kashdan und Kollegen beschreiben Neugier als mehrdimensionales Merkmal. Eine der Dimensionen ist die Stresstoleranz: die Bereitschaft, Zweifel, Verwirrung und Unbehagen, die mit Neuem einhergehen, auszuhalten statt zu vermeiden. Menschen mit hoher Stresstoleranz erkunden Unbekanntes eher, statt sich davon abschrecken zu lassen.

Publikation:

- Kashdan, T. B., Stiksma, M. C., Disabato, D. J., McKnight, P. E., Bekier, J., Kaji, J., & Lazarus, R. (2018). The five-dimensional curiosity scale: Capturing the bandwidth of curiosity and identifying four unique subgroups of curious people. Journal of Research in Personality, 73, 130–149.